Die anderen Räume - Eva Herunter

Das Projekt greift die Diskussion um Produktion, Pflege, Umwandlung und Zerfall in Stadt-Landschaften auf. Dort wo sich menschliche Eingriffe mit der Eigendynamik nicht-menschlicher Stoffwechselvorgänge überschneiden, findet sich die Substanz fürdie Stadt der Zukunft. Dabei wird die Frage nach der Nutzung von Stadtbrachen der postindustriellen Stadt gestellt und dazu aufgerufen, diese Räume - große zusammenhängende Flächen - für die Stadt zu sichern und die bisher konsumwirtschaftlich genutzten Flächen vorerst sich selbst zu überlassen.

Die ‚Stadtbrache‘ wird zum urbanen Element der Zukunft ernannt. In solch wilden Zwischenräumen stecken nämlich nicht nur große Mengen an Energie zur ökologischen Reproduktion, sondern auch soziale Potenziale als letzte Frei-Räume einer immer dichter und schneller werdenden reglementierten Stadt. Gerade die Abwesenheit einer klar definierten Funktion macht die Brache so produktiv, offen zur Aneignung und frei für unvorhersehbare und unplanbare Nutzungen.

Eine Strategie der Nicht-Planung, Nicht-Programmierung und Nicht-Organisierung soll also an diesen Orten walten. Denn sie macht Raum für verdrängte und oft vergessene Teilnehmende im Ökosystem Stadt: Tiere, Bakterien und Pflanzen. Werden die gezielt rückgebauten Flächen ihrer Eigendynamik überlassen, entsteht eine neue aktive Stadt-Landschaft. Sie könnte den Wiener Grüngürtel schließen und ihn um neuartige, lebendige und vielfältige Grünräume erweitern.

Eva Herunter (*1991) Architekturstudium an der Akademie der bildenden Künste in Wien und EPFL Lausanne. Arbeitserfahrung in Graz, Wien, Berlin und Hong Kong, lebt und arbeitet derzeit in Wien. 

Jury Statement zum Siegerprojekt

Das Projekt „Die anderen Räume“ von Eva Herunter besticht durch seine Einfachheit und Poetik, die sich auf provokant „unproduktive“ Weise dem diesjährigen Thema von Superscape 2020 der Mixed-Used City nähert. Mit dem Aufgreifen des Aspekts der „dritten Landschaft“ – im Falle Wiens der sog. „Gstettn“ – sowie ihrer Lokalisierung anhand von Beispielen (u.a. in Siebenhirten/Inzersdorf, Erdberg/Lobau, Floridsdorf) gelingt es, Substantielles für die Stadt von morgen anzusprechen. Bis 2050 soll, der Vision des Projekts folgend, ein großer zusammenhängender Grünraum, eine wilde Stadtnatur auf ehemaligen Industrie-, Infrastruktur- und Gewerbeflächen, entstehen. Die poetische Dimension des Konzepts sowie der Ansatz „produktive Räume“ auch anders zu denken, wurde von der Jury positiv bewertet.

Die Sicherung von „Stadtbrachen“ der postindustriellen Stadt hat hohe gesellschaftliche Relevanz und ist ein wichtiger Beitrag für die Koexistenz von Menschen, Tieren und Pflanzen in der Stadt der der Zukunft.  Die Beschreibung von Räumen, die in der Wahrnehmung unserer leistungs- und serviceorientierten Gesellschaft in Vergessenheit geraten sind, ist wertvoll und eröffnet im Rahmen des Themas „Wohnen. Arbeiten und urbane Produktion“ Möglichkeiten, Konsum und Produktion neu zu denken. Die Konzeptidee wurde als Aufruf verstanden, „andere Räume“ für eine zukünftige, nachhaltige Entwicklung verfügbar zu halten. Mit ihrem poetischen Plädoyer für ein neues Verhältnis von Stadt und Natur, von Produktion und Reproduktion, von Wachstum und Nachhaltigkeit vermittelt die Preisträgerin ein „positives Ansteckungspotenzial“. Weitsicht und Konsequenz auf formaler und systemischer Hinsicht zeichnen das Superscape 2020 - Gewinnerprojekt aus.

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